Revierbericht
südliche Bretagne
Ein wenig Meer

Golf von Biskaya - der Name verheißt selten Gutes. Doch für Franzosen ist die südliche Bretagne eine beliebte Sommerfrische. Wir besegeln die Küste und den Golf von Morbihan, zu Deutsch: das kleine Meer

 

 

 

 

 

     

 

Hinter jeder Huk ein Bojenfeld: Île d’Irus im Golfe du Morbihan. Ganz nah: moderne Marinas und historische Stätten
© H. Mertes

 

Mastenwald: In vier Becken der Marina von Le Crouesty können 1000 Yachten liegen, bald 380 mehr
© H. Mertes

 

 

 

 

 

 

 

  Ein Bild wie ein Gemälde: Der Rivière d’Auray wird für seine Pracht gelobt
© G. Plisson

 

  Belle-Île: "Die Schöne" heißt die größte Insel der Bretagne. Ihr Haupthafen ist Le Palais mit der Citadelle Vauban.
© G. Plisson

 

 

 

 

 

 

Voraus scheint das Meer zu kochen. Als rühre jemand mit einem riesigen Löffel in der blassgrünen Suppe. Aus dem Nichts erheben sich spitze, kurze Wellen, verdichten sich rotierend zu schäumenden Strudeln, umtanzen in rasender Geschwindigkeit unser Schiff und scheinen es hohnlachend fortzuführen, tief hinein in das Reich nass blinkender Granitklippen.
Die Strömung reißt uns durch die Enge, der flaue Wind erlischt, die Segel flappen, der GPS-Navigator zeigt dreizehn Knoten über Grund. Die Spannung an Bord lässt alle verstummen. Wie von Neptuns Faust gepackt, schert der Bug nach Steuerbord aus, dann wieder nach Backbord. Schließlich sind wir durch. Hinter uns liegen zwei wuchtige Inselbrocken, die den Tidenstrom auf neun Knoten haben anschwellen lassen. Erlöst gleitet das Boot ins geschützte Binnenmeer. Im frühen Dunst scheinen zahlreiche Inseln über einer grauen Wasserfläche zu schwimmen. Die durchbrechende Sonne zaubert tanzende Lichtreflexe. Ein schöner Morgen im Golfe du Morbihan erwacht.
Ein kleines Stück Schweden, mit baumbestandenen Schäreninseln, stillen Ankerbuchten und idyllischen Dörfern hat uns der Reiseführer versprochen. Und gar so weit scheint der Vergleich nicht hergeholt zu sein. Obwohl wir uns rund 2000 Kilometer südlich befinden, nahe der Halbinsel Quiberon in der Südbretagne.

Die Felseninsel gleich neben uns, Île Berder, könnte genauso gut vor Stockholm liegen.
Als wir näher kommen, erkennen wir mediterrane Zypressen, Strauchkiefern und Stieleichen, die einzelne, aus grauem Stein gemauerte Häuser fast vollständig verdecken. Am Ufersaum blüht Stechginster, darunter zeichnet sich scharf und schwarz im braunen Fels der Flutsaum ab. Zwei bis vier Meter beträgt der Tidenhub, je nach Nipp- oder Springtide.
Das Kap einer Insel bringt die Strömung wieder auf Trab. Kaum sind wir vorbei, öffnet sich eine weiträumige Bucht, in der wohl hundert Yachten in Reih und Glied an runden weißen Plastikbojen festgemacht haben. Wir entdecken eine freie Muring mit der Aufschrift"Visiteur", starten den Motor, drehen gegen den Strom und fahren langsam an die Tonne heran. Mein Segelfreund Joachim liegt auf dem Vordeck, fängt mit dem Bootshaken den Eisenring und fädelt die Festmacherleine hindurch.
Das Wasser gurgelt unter dem Rumpf, kleine Stromwellen klopfen gegen die Bordwand. An der Muring liegt das Boot sicher. Darauf nehmen wir einen Drink und werfen einen Blick in die Spezialkarte. Sie zeigt uns den Golfe du Morbihan in seinen knappen Dimensionen, rund fünf Seemeilen in der Nord-Süd-Ausdehnung, zehn von West nach Ost. Das ist nicht eben viel, zumal sich über fünfzig größere und kleinere Inseln auf dem"Morbihan", dem kleinen Meer, zusammendrängen. Fünfzehn sind bewohnt, zwei befinden sich in Privatbesitz. In diesem Irrgarten muss man sich zurechtfinden, nach Tonnen, Baken und Leuchttürmen navigieren und auf der Karte die Landmarken abhaken. Wie in den schwedischen Schären.

Zwei Inseln stechen hervor: die Île aux Moines und die Île d’Arz. Knapp sechs Kilometer ist die Île aux Moines lang. Das hügelige Land duftet nach Seegras, Farn, Pinie und Mimose. Die Bewohner des Inseldorfs Kergonan leben vom Fremdenverkehr, ein bisschen auch noch von der Austernzucht, genau wie auf der Nachbarinsel Ile d’Arz, die nur drei Kilometer misst. Zwei größere Ortschaften mit jahrhundertealter Geschichte liegen am Golf: Vannes und Auray. Beide wollen wir besuchen, zunächst Vannes.
Nach einer ruhigen Nacht an der Muringtonne setzen wir wieder die Segel. Es ist ein warmer Tag. Gewitterwolken ziehen auf, lassen die Inseln noch dunkler, die Fjorde noch geheimnisvoller erscheinen. Je mehr wir uns Vannes nähern, desto enger wird das Fahrwasser. Ausflugsdampfer, Fähren und Arbeitsboote kommen uns entgegen. Dazwischen wirken zwei rotbraune Segel über einem teerschwarzen Rumpf wie Fremdkörper. Und doch gehört dieser traditionelle Segler zum Golf wie kein anderes Fahrzeug: Wir begegnen einer der letzten Sinagots, die hier früher Schifffahrt und Fischerei bestimmten.
Zwei mächtige Luggersegel, an unverstagten Holzmasten gesetzt, waren groß genug, um das schwere Schleppnetz über die natürlichen Austernbänke zu ziehen. Der tiefgehende, V-förmige Rumpf mit dem charakteristischen Spitzgatt, an dem ein stark schräg gestelltes, mächtiges Ruder für die notwendige Lateralfläche sorgt, wurde mit Ballaststeinen stabilisiert. Manche Fischer waren so arm, dass sie mit ihren Familien an Bord lebten. Heute schippern auf den wenigen erhaltenen und aufwändig restaurierten Sinagots vor allem Touristen und Jugendgruppen.

Vor Vannes hindert uns eine Klappbrücke an der Weiterfahrt in den ausgebaggerten Kanal, der den Golf mit dem Yachthafen mitten in der Altstadt verbindet. Doch schon saust in einem Schlauchboot der Hafenmeister heran, ruft uns die Liegeplatznummer zu und wann die Brücke öffnen wird. Welch ein Service! Bald motoren wir durch den Kanal, passieren das Fluttor, das bei niedrigem Wasserstand geschlossen wird, und fädeln an unserem Steg in eine schier endlose Reihe von Yachten ein.
Die mittelalterlichen Fachwerkhäuser aus dem 14. und 15. Jahrhundert liegen sozusagen vor dem Bug. Weil die abgelegene Provinzstadt keine strategische Bedeutung hatte, blieben ihre engen Gassen, das Schloss Gaillard, die mächtige Kathedrale Saint-Pierre sowie die historischen Befestigungsanlagen vom Zweiten Weltkrieg verschont. Heute erfreut sich Vannes eines regen Fremdenverkehrs, ähnlich wie das Städtchen Auray, im Nordwesten des Golfs gelegen, das wir tags darauf besuchen.
Dorthin gelangen wir über die wohl schönste Flussmündung Frankreichs. Der sechs Seemeilen lange Rivière d’Auray ist Balsam für Auge und Seele. Nachdem wir das Wattgebiet des Golfs mit seinen zahlreichen Austernzuchten verlassen haben, passieren wir bewaldete Felshänge dicht am Fahrwasser. Einzelne Fischerhäuser stehen auf Vorsprüngen, vor denen bunte Kutter im Schlick liegen. Ein Fischadler streift über die Wipfel, Reiher stehen im Schilf, und zahlreiche Wasservögel stochern emsig am Flutsaum nach Nahrung. Auch vor Auray stoppt eine Brücke unsere Weiterfahrt. Hier machen wir in einer langen Muringreihe mitten im Strom an einer Vor- und Achtertonne fest und motoren mit dem Schlauchboot in den 500 Meter entfernten historischen Stadthafen. Die Häuser im Zentrum sind eine Pracht. Wer sie ansieht, versteht, warum Auray zu den neun bretonischen Orten zählt, die den Titel"Stadt der Kunst und der Geschichte" führen.
Nach Auray ist uns das"kleine Meer" zu eng geworden. Vor der Tür lockt der Atlantik mit seinen Häfen und Inseln. Am Ausgang des Golfs, im modernen Groß-Yachthafen von Le Crouesty, wo auch unsere Charterbasis liegt, nehmen wir noch einmal Wasser, Diesel und Proviant. Dann entrollen wir die Genua im frischen Atlantikwind und setzen das durchgelattete Großsegel. Zunächst frei von Untiefen, Stromschnellen und Felsen geht’s hinaus auf die weiträumige Bucht von Quiberon.

Wärmend sticht die Sonne durch den Dunst, der die Sicht auf die vorgelagerten Inseln Houat und Hoëdic verwehrt. Irgendwo dahinter liegt die größte Insel der Bretagne, die Belle-Île. Das GPS-Gerät bestätigt unseren Koppelkurs, sodass wir bald sicher die Ansteuerung der nicht ungefährlichen Passage de la Teignouse zwischen der Halbinsel Quiberon und der Île de Houat erreichen. Hier erkennen wir die dunkle Kliffküste der Belle-Île.
Mit der besseren Sicht auf die Kimm registrieren wir plötzlich den Atem des Ozeans. Langsam, in stetem Rhythmus, hebt und senkt sich das Schiff. Vom Atlantik läuft eine lange Dünung in die Bucht. In Frankreich nennt man diese großen Wellen, die von weit her kommen, Hules, und ihre Höhe wird bei den Wetterprognosen in Metern angegeben.
Gegen Mittag runden wir die Nordwestspitze der Belle-Île. Schwarze, zackige Felsen drohen. Ein Leuchtturm hoch oben auf einer einsamen Klippe. Wolkenfetzen zaubern helle und dunkle Flecken auf das grüne Oberland. Wie mag es hier bei Sturm aussehen?
Die kleinen Fjorde zwischen den bis zu 80 Meter hohen Felsen entpuppen sich als Fallen. Laut Handbuch soll man sich hier für die Nacht verkriechen können. Doch als wir in einen Fjord einlaufen, branden vor uns die abrupt gebremsten Hules auf. Mit größerem Abstand zum Ufer hatten wir die Atlantikdünung schon fast vergessen.

Am Abend ist die Inselumsegelung geschafft, und wir laufen in den Hafen Le Palais ein. Schon von weitem sichten wir die massige, pyramidenartige Zitadelle, die den Hafen beherrscht. Eine mächtige Festung, ein Werk Vaubans, das man lange für unbezwingbar hielt, bis es 1761 von den Engländern eingenommen wurde. Zwei Jahre später, nach dem Frieden von Paris, wurde Belle-Île gegen die Balearen-Insel Menorca getauscht.
Auch hier fegt der Hafenmeister mit einem Schlauchboot heran, dirigiert die Yacht mit dem Bug an eine Muringtonne und fährt anschließend die Heckleine zur Eisentreppe an der Hafenmauer aus, die angsterregend hoch ist. Von nun an sind wir auf unser Beiboot als Fähre angewiesen. Le Palais entpuppt sich als filmreifer bretonischer Fischerhafen. Mit der Ebbe fallen bunt gestrichene Kutter trocken, deren Skipper eben noch den frischen Fang auf die enge Kaigasse gehievt haben, wo er jetzt feilgeboten wird.
Einheimische und viele Touristen bevölkern den Marktplatz, sitzen in Straßencafés und bummeln durch die engen Gassen, vorbei an alten Fassaden und der kleinen Kirche, deren Glockentöne hell über der Stadt schwingen. Claude Monet malte hier 36 seiner schönsten Bilder und bereitete damit den Weg für unzählige Künstler, die nach ihm, ebenfalls von Licht und Farben der Landschaft fasziniert, auf die Belle-Île kamen, auf die"schöne Insel". Übrigens: Schon die ersten griechischen Seefahrer nannten die Insel Kalonessos - von kallos (schön) und nessos (Insel).
Mit unserem Liegeplatz sind wir weniger zufrieden. Starker Schwell läuft in das Becken, mitverursacht durch die in kurzen Abständen verkehrenden Schnellfähren. Wir überlegen, für einen weiteren Hafentag durch das Fluttor in das innere, sehr ruhige Becken einzulaufen, entschließen uns dann aber, der Halbinsel von Quiberon einen Besuch abzustatten, bevor es zurück zur Basis nach Le Crouesty geht.

Die Geschichte dieses Landzipfels ist eng verbunden mit der rätselhaften Megalithkultur. Zwischen 5000 und 1800 vor Christus siedelten hier Ackerbauern und Viehzüchter, die eine Vielzahl von Steinsetzungen hinterließen. Endlose Reihen tonnenschwerer Menhire (Langsteine), die aufgerichtet in der Landschaft stehen, sind stumme Zeugen einer versunkenen Epoche. Riesige Steintische, Dolmen genannt, dienten als Grabmale, und Cairns - mit Steinplatten abgedeckte Hügelgräber - waren Begräbnisstätten und Kultplätze zugleich.
Das wollen wir uns genauer ansehen. Von La Trinité auf dem Festland, dem nächsten Zielhafen, bringt uns ein Taxi zum nahen Carnac. Hier befinden sich die größten Ansammlungen von Megalithen in der Bretagne. Nachdem wir mit dem Auto durch einen Kiefernwald gefahren sind, fällt der Blick auf eine hügelige Lichtung: Eng beieinander stehen 555 Menhire, zum Meer hin immer höher und mächtiger werdend, in dreizehn Reihen ausgerichtet wie Säulenalleen. Das Megalithfeld misst 139 Meter in der Breite und 880 Meter in der Länge. Einen Kilometer weiter stehen 1029 Menhire in zehn Reihen zu je 1100 Meter, darunter der"Riese von Carnac" mit einer Höhe von 6,42 Metern. Nicht weit davon die Alignements von Menec: 1099 Menhire in elf Reihen von 100 Meter Breite und 1200 Meter Länge.
Von La Trinité, dem berühmten Ausgangshafen vieler großer Regatten - Heimat des französischen Segelheros Éric Tabarly -, ist es nur ein kleiner Sprung bis zur Insel Houat, wo gegen Mittag im seichten Vorhafen der Anker fällt.
Nach einem typisch bretonischen Imbiss mit frischen Krabben, Baguette und Knochlauchsoße vom Fischmarkt in La Trinité, dazu ein Glas kühler Loirewein, segeln wir zurück nach Le Crouesty. Zu schnell ging der Törn zu Ende, noch so viel bleibt zu entdecken in dieser herb-schönen Küstenlandschaft, die im Rhythmus der Tiden nicht nur den Seemann fasziniert.

Original in Yacht-online (Copyright © 2001 YACHT online - Delius Klasing Verlag):
http://www.yacht.de/yo/yo_revierberichte/powerslave,id,14,nodeid,21.html
 

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